{"id":8248,"date":"2022-07-13T15:12:35","date_gmt":"2022-07-13T13:12:35","guid":{"rendered":"https:\/\/hoegy.de\/homepage\/?p=8248"},"modified":"2022-07-13T15:12:35","modified_gmt":"2022-07-13T13:12:35","slug":"ddr-zeitzeugenbesuch-von-nadja-klier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hoegy.de\/homepage\/ddr-zeitzeugenbesuch-von-nadja-klier\/","title":{"rendered":"DDR-Zeitzeugenbesuch von Nadja Klier"},"content":{"rendered":"<section class=\"l-section wpb_row height_small\"><div class=\"l-section-h i-cf\"><div class=\"g-cols vc_row via_flex valign_top type_default stacking_default\"><div class=\"vc_col-sm-12 wpb_column vc_column_container\"><div class=\"vc_column-inner\"><div class=\"wpb_wrapper\"><div class=\"wpb_text_column\"><div class=\"wpb_wrapper\"><p>Mit beschwingter Stimme und inspirierendem Auftreten hie\u00df Nadja Klier die Kursstufe 2 willkommen, um uns ihre Geschichte als Zeitzeugin der DDR zu erz\u00e4hlen und um uns das Leben im damals zweigeteilten Deutschland n\u00e4herzubringen.<br \/>\nDabei hat sie immer wieder aus ihrem Buch \u201e1988 Wilde Jugend\u201c vorgelesen und Bilder gezeigt, was ihre Jugendzeit greifbarer machte.<\/p>\n<p>Nachdem sie uns animierte, ihr gerne Fragen zu stellen, begann sie zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Nadja Klier war mit ihrer Mutter fr\u00fch nach Berlin gezogen. Nur 300 Meter von der Mauer entfernt hatten sie gewohnt. \u201eAuf meinem Weg in den Kindergarten konnte ich die Mauer jeden Tag sehen, sah die Betonbarrikaden, die Doppelmauer und die spanischen Reiter. Es sah aus, als w\u00e4re es unm\u00f6glich, die Mauer zu \u00fcberwinden.\u201c Dennoch versuchten es viele, wollten aufgrund des sozialistischen Systems aus dem Osten in den Westen. Die Folgen waren Haft. Manchmal nur f\u00fcr einige Monate, manchmal auch f\u00fcr Jahre.<br \/>\nSie schilderte, dass ihr Mann, aber auch ihre Eltern in Haft sa\u00dfen.<br \/>\nIhr Mann aufgrund von Republikflucht. W\u00e4hrend seiner Zeit in Haft hatte er viele Gef\u00e4ngnisse von innen gesehen und wurde erst zwei Tage vor dem Mauerfall entlassen.<br \/>\nKliers Eltern wurden wegen ihrer systemkritischen Einstellung verhaftet. Diese wurde ihnen zum Verh\u00e4ngnis, denn sie bekamen Berufsverbot, wurden \u201ekaltgestellt\u201c. So erging es zahlreichen Menschen, die eine kritische Haltung zum System der DDR hatten und diese \u00f6ffentlich kundgaben. Die Kirchen waren hierbei die einzigen Zufluchtsorte, an denen man seine Meinung \u00e4u\u00dfern konnte.<br \/>\nViele wurden bespitzelt, so auch Nadja Klier, die erz\u00e4hlte, wie sie in ihrer Wohnung mit Funkger\u00e4ten und Feldstechern bespitzelt wurden. Ihnen wurde somit jegliche Privatsph\u00e4re geraubt. An dieser Stelle sah man einige fassungslose Gesichter vieler Anwesenden. \u00a0Es ist f\u00fcr uns schlichtweg nicht vorstellbar, aus dem Fenster zu schauen und Personen zu sehen, die offensichtlich jeden Schritt und Tritt beobachten, den man macht.<br \/>\nNach ihrer Ausb\u00fcrgerung (Kliers Familie wurde in den Westen abgeschoben, als sie 15 Jahre alt war) fotografierte die Stasi im Detail die Wohnung der Familie. Die Bilder davon bekam sie erst vor ein paar Jahren und sie erl\u00e4uterte ihre Gef\u00fchle und Gedanken, die ihr beim Betrachten dieser Bilder durch den Kopf gingen: Schock, Verbl\u00fcffung, Nostalgie, Fassungslosigkeit. Dabei zeigte sie auch einige dieser Bilder der Wohnung und gew\u00e4hrte uns damit einen privaten Einblick in ihre Jugendzeit.<br \/>\nDas diffizile Aktensystem der Stasi und die zahlreich geschriebenen Beobachtungsprotokolle machten sehr genaue Aufzeichnungen m\u00f6glich, mit denen Profile von den Menschen erstellt wurden, um sie leichter brechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Man musste nach dem System funktionieren, dieselben Werte wie die Regierung teilen und eine sozialistische Mentalit\u00e4t in sich verankert haben, um ein ansatzweise angenehmes Leben in der DDR zu haben. Handelte man im Sinne der SED, wurde man belohnt. Die FDJ, die <em>Freie Deutsche Jugend<\/em>, ein kommunistischer Jugendverband, verteilte Tickets f\u00fcr Bands. Man hatte eine gr\u00f6\u00dfere Chance, studieren zu d\u00fcrfen, wenn beispielsweise die eigenen Eltern in der SED Mitglied waren, denn in der DDR gab es keine freie Berufswahl. Nur zwei Personen pro Klasse durften studieren, allen anderen wurde eine Ausbildung zugeteilt. Es war somit definitiv von Vorteil, nach der Pfeife des sozialistischen Systems zu tanzen.<br \/>\nDoch selbst dann wurde man tagt\u00e4glich mit den negativen Seiten der DDR konfrontiert: Schon von klein auf wurden die Kinder, wie auch Frau Klier, zur Selbstst\u00e4ndigkeit erzogen, denn die Eltern waren die meiste Zeit am Arbeiten und die Kinder allein. Akuter Wohnungsmangel stellte ein wesentliches Problem dar, aber noch schlimmer war das Wirtschaftssystem. Diese Mangelwirtschaft sorgte daf\u00fcr, dass der Alltag der Menschen in der DDR von Versorgungsm\u00e4ngeln gekennzeichnet war. Zwar sicherte das Angebot in den Gesch\u00e4ften den Grundbedarf der Menschen, Engp\u00e4sse gab es jedoch bei der durchg\u00e4ngigen Versorgung mit hochwertiger Kleidung, ansprechenden M\u00f6beln, Bettw\u00e4sche, Fleisch, Wurst, Obst und Gem\u00fcse.<br \/>\nKlier berichtete, dass man sich jeden Donnerstag anstellen musste, um an Produkte zu kommen, die dann oftmals ausverkauft waren. Vor allem technische Konsumg\u00fcter wie Stereoanlagen oder Farbfernseher waren schwer zu erhalten und teuer. Die Jugendlichen versuchten also die Dinge, die sie brauchten, selbst zu machen oder sie klingelten bei Leuten, um beispielsweise Stoffe zu sammeln. \u201eWir haben, wie man es damals bei uns sagte, aus Schei\u00dfe Bonbons gemacht\u201c, so Klier, w\u00e4hrend sie keck lachte und ausf\u00fchrte, dass jedoch nicht alles schlecht und schwierig in ihrer Jugendzeit war.<\/p>\n<p>Mit ihrer Freundin Anna verbrachte sie ihre freie Zeit damit, sich zu sonnen und Musik zu h\u00f6ren, sie besch\u00e4ftigten sich mit \u201eNormalem\u201c. Beide schrieben Tagebuch, welches sie getauscht hatten, bevor Klier ausgeb\u00fcrgert wurde. \u201eDieses Ereignis hat mich seelisch zerr\u00fcttet und wirklich traumatisiert\u201c. Diese Zeit war sehr hart f\u00fcr sie und noch heute sind nicht alle Wunden wieder verheilt. Vor allem die Trennung von ihrer besten Freundin Anna erschwerte es ihr, wieder wirklich gl\u00fccklich zu werden, da sie viel Positives in ihrer Jugend mit ihr verband. Das Einzige, was die Freundinnen nun noch verkn\u00fcpfte, war das Tagebuch der jeweils anderen. Beide M\u00e4dchen schrieben alle wichtigen Geschehnisse und ihre Gef\u00fchle dort hinein, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann wiedersehen k\u00f6nnen. Mit der Antwort, ob sie es denn taten, lie\u00df sich Frau Klier Zeit, denn sie sah, wie gebannt wir an ihren Lippen hingen. Dann l\u00fcftete sie aber das Geheimnis und beschrieb l\u00e4chelnd, dass sie Anna nach dem Mauerfall zum Gl\u00fcck wiedergetroffen hatte.<br \/>\nDoch mit dem Mauerfall war nicht automatisch alles wieder gut, wie sie klarstellte: \u201eMit dem Zusammenbruch der DDR verloren viele Menschen einen Teil ihrer Identit\u00e4t.\u201c Verst\u00e4ndlich, denn die Ideologie der DDR wurde den Menschen seit dem Kindergarten tagt\u00e4glich vermittelt. Die SED griff in jeden Lebensbereich der Leute ein und verspr\u00fchte die sozialistische Mentalit\u00e4t. Wer nicht nach dem System funktionierte, wurde entweder bespitzelt oder verhaftet.<\/p>\n<p>Und obwohl Nadja Klier mit Sicherheit keine leichte Jugendzeit hatte, sieht ein jeder heute ihre Fr\u00f6hlichkeit, h\u00f6rt sie scherzen und freim\u00fctig berichten. Man erkennt, wie wichtig es ihr ist, Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen \u00fcber die Zust\u00e4nde der DDR aufzukl\u00e4ren und von ihren Erlebnissen zu berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vielen Dank, Frau Klier, dass Sie uns Ihre Geschichte erz\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Leonie Winger<\/p>\n<\/div><\/div><div class=\"w-image align_none\"><div class=\"w-image-h\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"577\" data-src=\"https:\/\/hoegy.de\/homepage\/hgy-media\/20220520_113118-1024x577.jpg\" class=\"attachment-large size-large lazyload\" alt=\"\" data-srcset=\"https:\/\/hoegy.de\/homepage\/hgy-media\/20220520_113118-1024x577.jpg 1024w, https:\/\/hoegy.de\/homepage\/hgy-media\/20220520_113118-200x113.jpg 200w, https:\/\/hoegy.de\/homepage\/hgy-media\/20220520_113118-600x338.jpg 600w, https:\/\/hoegy.de\/homepage\/hgy-media\/20220520_113118-50x28.jpg 50w, https:\/\/hoegy.de\/homepage\/hgy-media\/20220520_113118-160x90.jpg 160w, https:\/\/hoegy.de\/homepage\/hgy-media\/20220520_113118-1320x743.jpg 1320w\" data-sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 1024px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 1024\/577;\" \/><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit beschwingter Stimme und inspirierendem Auftreten hie\u00df Nadja Klier die Kursstufe 2 willkommen, um uns ihre Geschichte als Zeitzeugin der DDR zu erz\u00e4hlen und um uns das Leben im damals zweigeteilten Deutschland n\u00e4herzubringen. 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