Am 20. März 1770 wird Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar im sogenannten ‘Klosterhof’ als Sohn des Juristen Heinrich Friedrich Hölderlin und der Pfarrerstochter Johanna Christiana Heyn geboren. Beide Eltern entstammten damit der „Ehrbarkeit“, der wohlhabenden bürgerlichen Funktionärsschicht im damaligen Württemberg. Der Vater, der den umfangreichen Besitz des ehemaligen Kloster in Lauffen verwaltet, stirbt schon sechsunddreißigjährig an einem Schlaganfall im Jahre 1772. Einen Monat nach dem Tode des Vaters wird die Schwester Maria Eleonore Heinrike geboren.

1774 entschließt sich die Mutter, Johann Christoph Gock zu heiraten, und zieht nach Nürtingen. Gok erwirbt dort (wahrscheinlich mit dem Gelde seiner Frau) den Schweizerhof in der Neckarsteige, das frühere Gebäude unseres Gymnasiums.

1776 wird Gok Bürgermeister von Nürtingen. Hölderlin besucht ab 1776 die Nürtinger Lateinschule und erhält außerdem Privatunterricht. In diesem Jahr wird auch sein Stiefbruder Karl Gok geboren. 1779 stirbt aber auch der Stiefvater Gok, nachdem er sich bei einem Hochwasser des Neckars ‘in Erfüllung seiner Berufspflichten’ eine Brustkrankheit zugezogen hat. In der Familie Hölderlin/Gok fehlt von nun an eine männliche Bezugsperson. Finanziell ist sie gut abgesichert. Allerdings verwaltet Hölderlins Mutter zeit ihres Lebens sein Geld, so daß er nie darüber verfügen kann.

1784 wird Hölderlin in der Nürtinger Stadtkirche St. Laurentius konfirmiert. Im Herbst dieses Jahres beginnt dann die damals übliche elitäre Schul- und später Universitäts-laufbahn eines bürgerlichen Schwaben: IIölderlin tritt in die evangelische Klosterschule in Denkendorf ein und 1786 in die Schule in Maulbronn. Er hat dort seine erste Liebschaft und beginnt auch zu dichten. Im Herbst 1788 bezieht er dann das Tübinger Stift und muß Philosophie und Theologie studieren. Während seiner Universitätszeit (von 1788-1793) entstehen – unter dem Einfluß von Schillers und Klopstocks Lyrik – die Tübinger Hymnen, 1792/93 werden die ersten Dichtungen gedruckt. Es ist die Zeit der Französischen Revolution, deren Verlauf von den Tübinger Stiftlern mit größtem Interesse und mit größter Begeisterung verfolgt wird. Hölderlins Zimmergenossen sind die späteren Philosophen Hegel und der ihm schon aus Nürtingen bekannte Schelling. Kants Philosophie wird begeistert aufgenommen. Man bedenke, daß die erste Auflage der `Kritik der reinen Vernunft’ 1781, die ‘Kritik der praktischen Vernunft’ 1788 und die ‘Kritik der Urteilskraft’ erst 1790 erschienen waren. Eine Revolution findet damit bei den Studenten im philosophischen Denken statt. Am 14. Juli 1794 sollen auf einer Wiese vor Tübingen die Stiftler einen Freiheitsbaum errichtet haben. Dabei waren wohl auch Hegel, Schelling und Hölderlin, der jedoch Partei für die Girondisten und nicht die Jakobiner ergriff.

Nach seinem theologischen Abschlußexamen unternimmt Hölderlin alles, um nicht Pfarrer werden zu müssen. So tritt er durch Vermittlung Schillers Ende Dezember 1794 eine Hofmeisterstelle in Waltershausen-Grabfeld bei Schillers Freundin Charlotte von Kalb an: Er soll deren Sohn Fritz, ein äußerst schwieriges Kind, erziehen. In Waltershausen entsteht der erste Entwurf zu seinem Roman „Hyperion“, der in Schillers Zeitschrift „Thalia“ abgedruckt wird.

1794 geht Hölderlin mit seinem immer schwieriger werdenden Zögling nach Jena. Dort hat er zu Schiller relativ engen Kontakt, begegnet dort auch Goethe, vor allem ist er jedoch von dem Philosophen Fichte fasziniert. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Weimar gibt Hölderlin die Hofmeisterstelle Anfang 1795 auf. verlässt aber auch Jena Ende Mai und kehrt nach Nürtingen zurück.

Durch die Vermittlung seines Freundes Isaac von Sinclair erhält Hölderlin eine neue Hofmeisterstelle im Haus des reichen Frankfurter Bankiers Gontard, im sogenannten ‘Weißen Hirsch’, die er Ende Dezember 1995 antritt. Die Frau Gontards, Susette Gontard, wird dann in den nächsten Jahren Hölderlins Diotima. Als im weiteren Verlauf der Französischen Revolution französische Truppen in Hessen, der Pfalz und in Württemberg einfallen, flüchtet die Familie Gontard ohne den Hausherrn nach Kassel und Bad Driburg. Der Schriftsteller Heinse und auch Hölderlin sind dabei, und von dieser Zeit an ist Hölderlins Verhältnis zu Susette Gontard sehr intensiv. 1797 erscheint der erste Band des „Hyperion“. Im September 1798 kommt es zum Eklat mit Gontard; Hölderlin verlässt Frankfurt und siedelt nach Homburg vor der Höhe um, wo ihm sein Freund Isaac von Sinclair eine Unterkunft besorgt.

In Homburg arbeitet Hölderlin an dem Drama „Empedokles“ ; er hat in dieser Zeit nur ganz heimliche flüchtige Kontakte zu Susette Gontard. Den zweiten Band des „Hyperions“ schickt er ihr mit persönlicher Widmung zu. Als sich auch die Pläne zerschlagen, der Herausgeber einer Literaturzeitschrift zu werden, kehrt er im Juni 1800 nach Nürtingen zurück. Im Sommer ist er dann einige Zeit bei dem Kaufmann Landauer in Stuttgart und immer wieder auch in Nürtingen. 1800 entstehen viele der bekanntesten Gedichte. Anfang 1801 tritt er dann eine Hofmeisterstelle bei dem Kaufmann Gonzenbach in Hauptwil in der Schweiz an. Im April wird ihm gekündigt. Hölderlin kehrt nach Nürtingen zurück und versucht nun, eine Dozentenstelle für Griechisch an der Universität Jena zu erlangen. Als er von Schiller nichts hört, bricht er im Dezember 1801 zu Fuß nach Bordeaux auf, um dort wieder eine Hofmeisterstelle im Haus des Konsuls Meyer anzutreten. Aber schon Mitte Juni/ Anfang Juli 1802 trifft Hölderlin verstört und verwirrt in Stuttgart und Nürtingen ein. Im Juni 1802 ist Susette Gontard an den Röteln gestorben. Bis heute ist nicht klar, welche Bedeutung dieses Faktum für Hölderlin hatte.

Von 1802 bis 1804 lebt Hölderlin hauptsächlich wieder in Nürtingen. Er arbeitet hier an den Sophokles-Übersetzungen. 1804 holt ihn Sinclair zurück nach Homburg, wo er zum Schein als Bibliothekar an der Bibliothek des Landgrafen von Hessen-Homburg angestellt wird. In Homburg wird Sinclair 1805 aus politischen Gründen verhaftet und nach Württemberg ausgeliefert, nachdem er beim Kurfürsten von Württemberg als Führer eines geplanten Staatsstreichs denunziert worden ist, dann jedoch aus der Haft entlassen und in Homburg wieder angestellt. Im August 1806, nachdem die Landgrafschaft Hessen-Homburg nicht mehr existiert, kann er Hölderlin nicht mehr halten. Hölderlin wird im September im Auftrag der Mutter gewaltsam nach Tübingen in die psychiatrische Anstalt des Professors Autenrieth verbracht.

1807 wird er als unheilbar entlassen. Der 35-jährige Schreinermeister Ernst Zimmer nimmt ihn auf, danach lebt Hölderlin 36 Jahre lang im heutigen Hölderlin-Turm. Nach Zimmers Tod wird er von dessen Tochter Lotte weitergepflegt. Über den Mann, der nicht mehr Hölderlin sein will, sondern ein Mann mit dem Namen Scardanelli, übernimmt die Stadt Nürtingen nach dem Tode der Mutter die Vormundschaft. Aus diesem Grunde lagern auch die bis vor kurzem unbekannten Pflegschaftsakten hier in Nürtingen. Am 7. Juni, nachts um 11 Uhr, stirbt Friedrich Hölderlin und wird am 10. Juni 1843 auf dem Tübinger Friedhof bestattet.

Ingrid Jakobi

 

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