Genuss für die Sinne: Hölderlin-Abend in Nürtingen

Wie nähert man sich einem großen Dichter, der nicht immer ganz leicht zu verstehen ist? Eine Antwort auf diese Frage hatte Annette Kliss, Kunstlehrerin am HöGy, gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern schon durch ihr Kunstprojekt „Schatten der Erde“ gegeben, das derzeit in der Kreuzkirche in Nürtingen zu besichtigen ist. Der Hölderlin-Abend in der Stadthalle K3N rundete dieses Projekt nun ab: mit bildlich-künstlerischen, musikalischen und rhetorisch-literarischen Interpretationen für alle Sinne.

Die Musik-Leistungskurse unter der Leitung von Tobias Flick läuteten mit Beethovens „Prometheus“ den musikalischen Teil des Programms ein, und die gekonnt aufspielenden jungen Streicher und Bläser zauberten, begleitet von rhythmischen Paukenschlägen, eine besondere Stimmung aus schwebender Ballett-Musik auf die Bühne und in den Saal. Rhythmus und Mythos schufen eine Verbindung zwischen den im selben Jahr geborenen Ton- und Wortkünstlern Beethoven und Hölderlin.

Zwischendrin trugen Schülerinnen und Schüler des von Ulrich Munz geleiteten Kurses Literatur und Theater mit rhetorischer Finesse Hölderlin-Gedichte vor, begleitet von Projektionen künstlerischer Motive aus dem Leben und Schaffen des Dichters.

Besonders eindrücklich klang das dynamische Versmaß in einem eigens von Schülerinnen und Schülern kreierten Sprechstück, das ausgehend vom Gedicht „Sonnenuntergang“ das Metrum stimmungsvoll mit Elementen und Spieltechniken der Neuen Musik variierte. Die Worte verwoben sich mit der einsetzenden instrumentalen Begleitung zu dichterisch-musikalischen Rhythmen, effektvollen Betonungen mit Solorezitationen und mehrstimmigen Partien.

Aber nicht nur die produktive und kreative erste Lebenshälfte Hölderlins, auch die letzten umdüsterten 36 Jahre seines Lebens, die der Dichter in dem nach ihm benannten Turm am Neckar in Tübingen verbrachte, fanden ihren künstlerischen Ausdruck. Eine Fotosequenz von symbolischen 36 Fotos, aufgenommen vom Hölderlin-Turm im Abstand von 10 Minuten zeigte die monotone Perspektive des Umnachteten auf den Fluss, der in seinem Leben immer bedeutungsvoll war. Dazu erklangen aus dem ersten Satz des Klavierzyklus die „Gesänge der Frühe“ von Robert Schumann. Auch hier fand sich eine direkte Brücke zu Hölderlin: Der vom Nürtinger Dichter wiederholt inspirierte Komponist befand sich ebenfalls am Ende seines Lebens in einer psychischen Krise. Die Schicksale von beiden verschmolzen in gefühlvoll gespielten Klaviertakten.

Hatten Corona-Lockdown und Fernlernunterricht Pläne zu weiteren Veranstaltungen anlässlich des 50jährigen Bestehens des Hölderlin-Gymnasiums und des 250. Geburtstags seines Namenspatrons durchkreuzt, so konnte dieser Abend einen stimmungsvollen und äußerst vielfältigen Schlusspunkt unter ein wechselvolles Schuljahr setzen.

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